Der Neunkräutersegen: Die neun heiligen Kräuter und was hinter ihnen steckt

Getrocknete Kräuterbündel hängen an einem alten Holzbalken über einem Steinmörser im Feuerschein (Symbolbild, KI-generiert)

Der Neunkräutersegen ist ein altenglischer Heilspruch aus dem 10. Jahrhundert. Er nennt neun Kräuter: Beifuß, Wegerich, eine Kresse, den „Gifthasser“, Kamille, Brennnessel, Holzapfel, Kerbel und Fenchel. Überliefert ist er in einer einzigen Handschrift, der Lacnunga, die heute in der British Library in London liegt.

Es ist eines der ältesten schriftlichen Zeugnisse dafür, dass Menschen im germanischen Sprachraum ihre Pflanzen nicht nur kannten, sondern auch aufschrieben.

Was ist der Neunkräutersegen?

Ein gesungener Heilspruch, halb Gedicht, halb Anleitung. Im Altenglischen heißt er Nigon Wyrta Galdor, wörtlich etwa „Gesang der neun Kräuter“.

Jedes der neun Kräuter wird im Text einzeln angesprochen, mit Namen und mit dem, wogegen es stehen soll: gegen Gift, gegen Ansteckung und gegen „das Leidige, das durch das Land zieht“. Am Ende folgt eine kurze Anweisung in Prosa, wie die Kräuter zubereitet werden.

Woher stammt der Neunkräutersegen?

Aus England, aufgeschrieben im 10. Jahrhundert in altenglischer Sprache. Er steht in einer Sammelhandschrift mit Heilmitteln, Gebeten und Segenssprüchen, die unter der Signatur Harley MS 585 in der British Library aufbewahrt wird.

Den Namen Lacnunga, altenglisch für „Heilmittel“, hat die Handschrift nicht von ihrem Schreiber. Ihn gab ihr der Herausgeber Oswald Cockayne, der die Texte zwischen 1864 und 1866 veröffentlichte.

Der Spruch mischt zwei Welten. Er nennt den Gott Woden, der mit neun Zweigen eine Schlange erschlägt, und an anderer Stelle Christus. Viele Forscher sehen darin einen deutlich älteren, vorchristlichen Kern, der beim Aufschreiben christlich überarbeitet wurde.

Welche neun Kräuter nennt der Spruch?

Die gängigste Zuordnung lautet so, mit dem altenglischen Namen in Klammern:

  1. Beifuß (Mucgwyrt). Er wird als Erstes angerufen und im Text als ältestes der Kräuter bezeichnet.
  2. Wegerich (Wegbrade), die „Mutter der Kräuter“.
  3. Eine Kresse (Stune). Meist als Behaartes Schaumkraut gedeutet, teils auch als Brunnenkresse.
  4. Der Gifthasser (Attorlaðe). Meist als Heilziest gedeutet, vorgeschlagen wurden aber auch Erdrauch und Hühnerhirse.
  5. Kamille (Mægðe).
  6. Brennnessel (Stiðe, manche Forscher ordnen ihr auch Wergulu zu).
  7. Holzapfel (Wergulu oder Æppel).
  8. Kerbel (Fille).
  9. Fenchel (Finule).

Alle neun Kräuter mit Kurz-Steckbrief findest du in Die vergessene Hausapotheke unserer Vorfahren.

Sind die neun Kräuter sicher bestimmt?

Nein, nicht alle. Bei Beifuß, Wegerich, Kamille, Kerbel und Fenchel sind sich die Fachleute weitgehend einig. Bei den übrigen gibt es seit über hundert Jahren unterschiedliche Deutungen.

Am meisten umstritten ist der Gifthasser. Der altenglische Name Attorlaðe heißt wörtlich „Gift-Feind“ und beschreibt, was die Pflanze tun sollte, nicht wie sie aussah. Daraus lässt sich nicht sicher ableiten, welche Pflanze gemeint war.

Auch welches altenglische Wort zur Brennnessel und welches zum Holzapfel gehört, wird unterschiedlich gelesen. An der Liste der neun Pflanzen selbst ändert das wenig, nur an der Zuordnung der Namen.

Was sollten die neun Kräuter bewirken?

Laut Text sollten sie gegen Gift, gegen Ansteckung und gegen neun „fliegende“ Übel stehen, also gegen Krankheiten, die man sich als von außen kommend vorstellte. Jedes Kraut bekommt im Spruch eine eigene Aufgabe zugeschrieben.

Das ist die Vorstellungswelt der Zeit, keine Anleitung für heute. Spannend ist der Text vor allem, weil er zeigt, wie Pflanzenkenntnis, Glaube und Sprache damals ineinandergriffen.

Wie wurden die Kräuter zubereitet?

Nach der Anweisung am Ende des Spruchs wurden die neun Kräuter zu Pulver zerstoßen und mit alter Seife und dem Saft des Apfels vermischt. Dazu kam eine Paste aus Wasser und Asche. Der Spruch sollte beim Zubereiten gesungen werden, auch über dem Kranken.

Nachmachen solltest du das nicht. Nicht nur, weil die Zuordnung einiger Pflanzen unsicher ist, sondern auch, weil der Kerbel zu den Doldenblütlern gehört. In dieser Familie gibt es tödlich giftige Doppelgänger wie den Gefleckten Schierling.

Warum ist der Neunkräutersegen heute noch interessant?

Weil er so konkret ist. Vor über tausend Jahren hat jemand aufgeschrieben, welche Pflanzen man kannte und schätzte, und die meisten davon wachsen bis heute bei uns am Wegrand, auf der Wiese oder im Garten.

Feldweg im Morgenlicht mit Wildkräutern am Wegrand (Symbolbild, KI-generiert)
Symbolbild, KI-generiert

Beifuß, Wegerich, Brennnessel und Kamille erkennt fast jeder, der schon einmal drauf geachtet hat. Der Text zeigt, dass dieses Wissen nicht erst mit den Klöstern und Kräuterbüchern des Mittelalters begann.

Warum ich das aufschreibe

Mich hat an diesem Text immer fasziniert, wie nah er uns ist. Keine fernen, exotischen Pflanzen, sondern genau die, an denen wir heute achtlos vorbeilaufen. Unsere Vorfahren kannten sie beim Namen.

Häufige Fragen zum Neunkräutersegen

Wie alt ist der Neunkräutersegen?

Aufgeschrieben wurde er im 10. Jahrhundert. Viele Forscher gehen davon aus, dass sein Kern deutlich älter ist und lange mündlich weitergegeben wurde.

Ist der Neunkräutersegen germanisch oder christlich?

Beides. Er nennt den Gott Woden und an anderer Stelle Christus. Überwiegend gilt er als vorchristlicher Text, der beim Aufschreiben christlich überarbeitet wurde.

Warum gerade neun Kräuter?

Die Neun zieht sich durch den ganzen Text: neun Kräuter, neun Gifte, neun Zweige, mit denen Woden die Schlange erschlägt. Die Zahl hatte in der germanischen Überlieferung besonderes Gewicht.

In welcher Sprache ist der Spruch geschrieben?

In Altenglisch, der Sprache der Angelsachsen in England. Das Altenglische ist eng mit dem Altsächsischen und damit mit frühen Formen des Deutschen verwandt.

Wo kann man die Handschrift sehen?

Sie liegt in der British Library in London unter der Signatur Harley MS 585. Der Neunkräutersegen steht dort auf den Blättern 160 bis 163.

Passend dazu: Beifuß, das erste der neun Kräuter · Spitzwegerich, die Mutter der Kräuter · Brennnessel essen · Kräuter sammeln im Jahreslauf

Cover: Die vergessene Hausapotheke unserer Vorfahren

Das Buch zum Artikel

Die vergessene Hausapotheke unserer Vorfahren

  • Alle neun Kräuter des Neunkräutersegens mit Kurz-Steckbrief
  • 30 heimische Pflanzen mit Geschichte, Quellen und Sicherheitshinweisen
  • Hörbuch kostenlos dazu

22,95 € · E-Book und Hörbuch · sofort zum Download

Zum Buch

Mit dem Code WEGRAND sparst du 10 %.

Lieber durch das Jahr? Den Neunkräutersegen findest du auch in Das Kräuterbuch unserer Vorfahren, ebenfalls mit Hörbuch.


Dieser Beitrag gibt überliefertes, volkskundliches und historisches Wissen wieder. Er dient der Bewahrung alten Kräuterwissens und ersetzt keine ärztliche oder fachkundige Beratung. Wildpflanzen bitte immer zweifelsfrei anhand mehrerer Merkmale bestimmen, im Zweifel stehen lassen.